Vom „Pflegenotstand“ reden nur die anderen . . .
Nichts wie ran an die Grenzen!

Neue Geschäftsmodelle machen vor der Notlage und den Bedürfnissen Pflegebedürftiger nicht Halt. Strukturvertrieb mit Putzmitteln war gestern, heute werden legale Schlupflöcher genutzt, Löcher, die der Kostenträger in den Pflegeurwald schlägt. Angebote aus der Pflegeversicherung sind verlockend, vor allem wenn man früher als andere auf die Nutzungstour geht. Da frisst eben der frühe Vogel den Wurm. So erhält ein frisch eingestufter Pflegepatient plötzlich ein Angebot aus der Pflege-Welt. Er freut sich, denn bisher hat ihm noch niemand gesagt, dass er jetzt auch Anspruch auf Pflegemittel im Wert bis zu 31 Euro im Monat hat! Bei Pflegemitteln ist er anderes gewohnt, denn oft genug werden Anträge abgelehnt. Aber jetzt scheint alles ganz anders: Sechs verschiedene Pakete mit unterschiedlichen Inhalten werden ihm zur Auswahl angeboten. Früher Gruß vom Weihnachtsmann!

Als Weihnachtsmann fühlt sich Uwe Daltoe, stellvertretender Geschäftsführer der AOK Hochrhein-Bodensee, allerdings nicht. Ihm hat das Wochenblatt das verlockende Angebot vorgelegt, das er in unserer Region so noch nicht kannte. Seine Feststellung: Wer sich darauf einlässt, verliert seinen eigenen Spielraum, sich die Kosten für individuell benötigtes Pflegematerial von seiner Pflegekasse ersetzen zu lassen.

Die eine GmbH bietet Hilfsmittel von Mundschutz bis zu Bettschutzeinlagen an. Eine andere GmbH liefert regelmäßig weiter. Desinfektionsmittel gehören ebenso zum Sortiment, das von der Pflegekasse mit maximal 31 Euro pro Monat finanziert wird. Voraussetzung ist weiter, dass die Pflegekasse die Notwendigkeit der Produkte festgestellt hat. Diese Zusage will der Pflege-Paket-Anbieter selbst im Auftrag des Pflegebedürftigen einholen. Da wirken Nikolaus und Knecht Ruprecht mit einem großen Schub aus dem Weihrauchkessel. Da sieht Uwe Daltoe vor lauter Rauch allerdings Fußangeln: Sofern die Pflegekasse (je nach vorliegender Indikation) nicht alle beantragten Pflegeprodukte genehmigt, verbleiben Restkosten je nach Paket, obwohl rot gedruckt auf dem Bestellschein steht, dass keinerlei Verpflichtungen durch den Pflegebedürftigen oder seine Betreuer eingegangen werden und keine Kosten deshalb anfallen! Aber muss er den Rest nicht doch wieder selber zahlen?

>

Interessant ist, dass die Produkte, die in den Paketen angeboten werden, just 31 Euro kosten und damit die maximale Leistung der Pflegekasse beansprucht wird. In manchen Paketen können Produkte enthalten sein, die für den individuellen Pflegefall nicht benötigt und evtl. von der Pflegekasse unnötig finanziert werden würden. Uwe Daltoe: „Auffallend ist auch, dass der Preis der Einzelprodukte nirgends erwähnt wird und diese nicht individuell nach dem eigenen Bedarf und Stückzahl pro Monat bestellt werden können.“ Und mit unveränderter Weiterlieferung entstehen Restbestände, fast schon eine Art Lagerhaltung entsteht.

Tritt ein Pflegefall in einer Familie ein, dann ist das für alle erst einmal ein Schock. Ganz praktische Alltagsprobleme sind in den Griff zu bekommen. Gerade über die Hilfen vom Krankenhaus zur häuslichen Pflege hat das Wochenblatt seit dem Politischen Aschermittwoch 2014 immer wieder berichtet. Dort war Uwe Daltoe einer der Experten auf der Bühne. Da ging es um die Zukunft des Gesundheitswesens im Wochenblatt-Land. Dass es in der häuslichen Pflege viele offenen Fragen gibt, war absehbar. Viele Menschen wollen bis zum Lebensende daheim bleiben können. Angehörige nehmen oft lieber die harte Arbeit der häuslichen Pflege auf sich, als Geld für eine Heimunterbringung aufbringen zu müssen. Da hat die Pflegeversicherung längst nicht alle Probleme gelöst.

Daltoe appelliert an die Kritikfähigkeit der Betroffenen. Der Volksmund sagt zwar, dass man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul schauen soll. Und auch mit dem trojanischen Pferd ging das in der Geschichte schief“ Schlimm ist, so der Gesundheits-Experte, wenn mit oder wegen Notlagen von Menschen Geschäfte gemacht werden sollen. Über die Qualität der Produkte bestünden hier zudem keine Aussagen. Geht es etwa um den Vertrieb minderwertiger Produkte für die eigene Gewinnmaximierung zum eigenen Nulltarif? Und die Pflegekasse zahlt . . .

Das Problem sind Grenzwerte aller Art. Das fängt bei Umweltvorgaben an: Und dann nichts wie ran an die Grenzen mit der erlaubten Schadstoffbelastung! Und jeder gebotene Vorteil wird grenzenlos ausgenutzt, denn Geiz ist ja geil! Gewinnt jemand bei einer Verlosung oder im Lotto, denn jubelt er: „Wir haben sonst nie etwas gewonnen!“ Und weiter: Pflegebedürftigkeit ist kein Zuckerschlecken!“ Da nimmt man gerne alles, was man bekommen kann. Das haben die Erfinder der Pflegewelt zu ihrem Geschäftsmodell gemacht. Das muss aber der Pflegebedürftige nicht zu seinem machen. Umgekehrt müssen sich die Kostenträger selbst fragen, ob es nicht sie sind, die den Boden für solche Geschäftemacher bereiten? Ich selbst war jetzt vier Wochen ohne Rollstuhl, weil der Motor defekt war. Er musste ins Werk des Herstellers eingeschickt werden, die Pflegekasse musste die Reparaturkosten absegnen, ich musste nachfragen und mir anhören, dass ich den Rollstuhl pfleglicher zu behandeln hätte. Plötzlich kommt dann ein solches „gratis“ Angebot! Traumhaft oder? Eines muss aber gleich skeptisch werden lassen: Warum kommt das Angebot kurz nach einem Einstufungstermin? Wer hat da für eine aktuelle Datenlage gesorgt?! Beziehungen schaden bekanntlich nur dem, der keine hat . . .

Von Hans Paul Lichtwald

- Redaktion

Autor:

Redaktion aus Singen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil

Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.