Wie Gymnasien der Region G9 gestalten wollen
Ein Jahr mehr – und viele neue Chancen
- Der Umbau zurück zu einem 9-jährigen Gymnasium ist lange beschlossene Sache. Der Start - das kommende Schuljahr 2025/26 - steht fest, doch es gibt auch noch offene Fragen.
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Landkreis Konstanz. Ab dem Schuljahr 2025/26 führen die Gymnasien in Baden-Württemberg ein neues G9 ein – neun Jahre bis zum Abitur, pädagogisch und organisatorisch grundlegend überarbeitet. Laut Kultusministerium umfasst dieser Umbau weniger Nachmittagsunterricht, ein neues Fach „Informatik und Medienbildung“, mehr Raum für Demokratiebildung, Berufsorientierung und individuelle Förderung.
Um einen Eindruck zur Umsetzung der Reform in der Region zu bekommen, hat das WOCHENBLATT die Schulleitungen von vier Schulen befragt, wie sie sich auf das neue G9 vorbereiten und was sie sich davon versprechen.
Hegau-Gymnasium Singen: »Schulentwicklung ist eine politische Notwendigkeit«
Am Hegau-Gymnasium begegnet man der Reform mit klarem Blick. Schulleiterin Kerstin Schuldt hält wenig von der Vorstellung, G9 sei einfach die Rückkehr zu etwas Bewährtem: „Es wird kein altes G9 geben, sondern ein G9 neu – das muss man erst entwickeln.“ Die Schule in Singen startet mit den Fünft- und Sechstklässlern 2025/26, die dann nach der neuen Stundentafel unterrichtet werden.
Differenzierungsstunden – zusätzliche Unterrichtsstunden in Deutsch, Mathematik und Englisch, die gezielt auf unterschiedliche Lernstände eingehen –, ein neues Fach „Informatik und Medienbildung“ sowie der Wegfall von Nachmittagsunterricht in Klasse 5 und 6 bringen organisatorischen Druck – besonders bei der Raumplanung, da sich nun auch alles auf den Vormittag konzentriert. Das betrifft vor allem den Fachunterricht, wie Biologie, Physik, Chemie, Informatik und Medienbildung.
- Kerstin Schuldt, Schulleiterin des Hegau Gymnasiums Singen
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Die Stadt habe jedoch früh reagiert: „Oberbürgermeister Bernd Häusler ist auf uns zugekommen, um gemeinsam Lösungen zu finden.“ Sorgen bereitet der Sanierungsstau bei digitalen Geräten – also Computer und die Medientechnik der Klassenräume, die inzwischen in die Jahre gekommen sind und erneuert werden müssten. „Wer Digitalisierung fordert, muss sie auch dauerhaft finanzieren.“ Dennoch überwiegt am Hegau-Gymnasium die Gestaltungsfreude. Schuldt: „Gut ausgestattete Schulen sind die klügste Investition in unsere Zukunft.“
Gymnasium Engen: »Das ist kein innovatives G9 – das ist ein Sparsystem«
Thomas Umbscheiden, Schulleiter in Engen, spart nicht mit Kritik: „Wir stemmen das, aber man hat uns zu wenig Zeit gelassen.“ Hart trifft ihn die Reduktion des Nachmittagsunterrichts: „Unsere Kursstufe wird darunter leiden – Naturwissenschaften am Vormittag sind kaum zu realisieren.“ Auch was als Innovation verkauft werde, sei oft alter Wein in neuen Schläuchen: „Demokratiebildung hatten wir schon immer – das muss man nicht als Neuerung ausgeben.“
Engen hat früh begonnen, intern umzustrukturieren – mit „Lernen lernen“, Förderstunden und neuen AG-Angeboten. Doch die Ressourcen fehlen: „Das Land versprach Lehrkräfte – wir haben keine bekommen.“ Besonders bitter: Der Informatikunterricht leidet am Personalmangel. „Eine Stunde Informatik in Klasse 7 reicht nicht. Digitalisierung funktioniert nicht mit Symbolpolitik.“
Umbscheidens Appell: „Ich hätte mir ein G9 gewünscht, das modular gedacht ist – mit Raum für Förderung, Vertiefung und echte Wahlfreiheit.“
Nellenburg-Gymnasium Stockach: »G9 braucht Reife – und klare Haltung zur Leistung«
Stockach ist eine der wenigen Schulen im Land, die G9 seit Jahren als Pilotschule praktizieren. Schulleiter Holger Seitz sieht deshalb manche Entwicklung mit Skepsis: „Für uns ist das neue G9 stellenweise ein Rückschritt – wir hatten die Grundlagenfächer bereits gestärkt, nun sind weniger Stunden dafür vorgesehen.“ Positiv sieht er die zusätzlichen Differenzierungsstunden in Mathe und Deutsch, kritischer dagegen die verpflichtende zweite Fremdsprache ab Klasse 6.
Digital ist Stockach hervorragend aufgestellt, Tablets ab Klasse 11, vollständige Infrastruktur – „ein Verdienst der Stadt Stockach“, lobt Seitz. Pädagogisch betont er die Chance auf Reifung: „G9-Schülerinnen und Schüler sind in der mündlichen Prüfung oft klarer, reflektierter. Das zahlt sich aus.“ Und er sagt deutlich: „Bildung muss wieder mehr wert sein. Leistung ist nicht uncool – sie ist die Grundlage für echte Entwicklung.“
- Präsentationen als Vorbereitung auf mündliche Prüfungen in höheren Klassenstufen gehören zum Schulalltag dazu. Von einem Jahr mehr zur Vorbereitung auf diese Prüfungen könnten die Schülerinnen und Schüler profitieren.
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Schloss Gaienhofen: Differenzieren, fördern, gestalten
Als Privatschule hat Schloss Gaienhofen einen ganz eigenen Blick auf G9. Stellvertretender Schulleiter Gunnar Horn betont die gestärkte Nachfrage: „Viele Eltern wollen die längere Gymnasialzeit – auch wegen der besseren Betreuung.“ Gaienhofen bietet Wassersport, Theater, Kantorei und ein „Lunch-Club“-Modell mit Lernatelier am Nachmittag – privat finanziert, ohne staatliche Zuschüsse.
Der Umbau sei organisiert worden, ohne Personalnot: „95 Prozent unserer Lehrkräfte sind sogenannte Landeslehrer, die für den Dienst an Privatschulen vom Staat beurlaubt sind. Dadurch haben wir sehr stabiles, festes Personal und kaum Fluktuation.“ Kritik äußert Horn an der Einschränkung der Schulautonomie: „Privatschulen hätten mehr Freiheit bei der Umsetzung verdient.“
Die Digitalisierung ist hier kein Schlagwort, sondern gelebte Praxis: „Wir arbeiten mit VR-Brillen, drehen Lernvideos und schaffen neue Formen des Lernens.“ Und doch warnt Horn vor der Schattenseite: „KI kann Kreativität zerstören. Wir müssen aufpassen, dass Texte nicht nur noch generiert werden.“ Die Hoffnung: Dass G9 nicht nur zeitlich, sondern auch menschlich Raum schafft – für Miteinander und Entwicklung.
Fazit: Zwischen Aufbruch, Kritik und Gemeinschaftssinn
Der Weg zum neuen G9 war kurz, vom Kultusministerium aber transparent gestaltet – die Schulen fühlen sich im Grundsatz vorbereitet. Besonders in den Klassen 5 und 6 lässt sich mit den neuen Vorgaben gut arbeiten. Doch die eigentlichen Herausforderungen stehen noch bevor: Viele Details für die höheren Klassen sind offen.
Ein Thema, das alle bewegt, ist die veränderte Tagesstruktur: Weniger Nachmittagsunterricht bedeutet mehr Organisation für Betreuung und Angebote. In Engen etwa rechnet man damit, dass weniger Schüler in der Mensa essen werden und der Erhalt dadurch nicht mehr tragfähig sein wird, während andere, wie Schloss Gaienhofen auf neue Modelle setzen, um diese Lücke zu füllen.
Die Mittel aus dem Digitalpakt 1.0 wurden gezielt eingesetzt; nun braucht es den Digitalpakt 2.0, um diese Infrastruktur zu sichern. Alle vier Schulen betonen, dass sie offen dafür sind, Eltern und Interessierte über ihre Konzepte und Wege mit dem neuen G9 zu informieren.
Oder, wie es Gunnar Horn von Schloss Gaienhofen sagt: „Ich wünsche mir, dass wir am Nachmittag wieder mehr Gemeinschaft erleben – nicht weniger.“
Autor:Uwe Johnen aus Singen |