Winfried Kretschmann kürt durchweg Sieger
Die Südachse wird dunkelgrün

Der Genosse Trend ist unerbittlich! Unbarmherzig nannte ihn ein Stockacher Kollege, der den Mandatsverlust von Wolfgang Reuther zu kommentieren hatte. Mit dem Landkreis Konstanz ist die ganze Südachse im Lande dunkelgrün geworden. Dorothea Wehinger nahm Reuther das Direktmandat im Singener Wahlkreis ab. Und Nese Erikli siegte in Konstanz. Ja, die Universitätstädte sind halt grün! Siegfried Lehmann war hier vor fünf Jahren Vorreiter. Nese Erikli hat ganze Arbeit geleistet: Erst Lehmann abserviert, jetzt das Direktmandat gesichert. Das gleicht einem Wunder. CDU-Kandidat Fabio Crivellario blieb 13 Prozent hinter ihr! Über 17 Prozent blieb Peter Friedrich hinter ihr zurück! Das sind Welten! Wird es das Ende einer großen politischen Karriere des SPD-Europaministers? Er war der kluge Kopf neben Nils Schmid in der Landes-SPD. Und nun? Wird er nächstes Jahr in den Bundestag zurückkehren? Übergangmandate gab es nur für den Böhringer Jürgen Keck von der FDP. 9,1 Prozent machten es möglich!

Letzte Woche habe ich noch über taktische Stimmenabgabe philosophiert. Damit hat Kecks Mandat nichts zu tun. Für Radolfzeller und zudem Böhringer gilt eines: Kampflos gibt man ein Mandat nicht her, erst recht nicht, wenn es ein Grüner mit Konstanzer Hilfe erworben hat! Da die Südachse im Ländle dunkelgrün geworden ist, heißt aber nicht, das es hier wahrlich schwarz wird! In den 80er Jahren hatte die Grünen entlang der schweizer Grenze plötzlich acht bis neun Prozent errungen, jetzt haben sie erstmals fast alle Direktmandate erworben! Nur im Waldshuter Nachbarbezirk fehlten den Grünen 0,4 Prozent. Das ist der Erfolg von Winfried Kretschmann, denn der hat jetzt durchweg Sieger gekürt!

Einen Sieger hat auch die AfD in unserer Region im Paket gehabt: Wolfgang Gedeon hat in Singen (mit 20 Prozent in der Stadt) ein Überhangmandat erzielt. Was wird er daraus machen? Mit der AfD wollen die demokratischen Altparteien nicht über Koalitionen verhandeln. Aber Gedeon künftig mit ihnen über Sachfragen!? Wer Zwischentöne hören kann, der war schon am Sonntagabend überrascht. Grün-Schwarz war nicht mehr ausgeschlossen – und die AfD hatte plötzlich viele neue Programmpunkte! Letzte Woche hatte ich hier schon über diese Koalition an dieser Stelle spekuliert. Nur bin ich davon ausgegangen, dass statt Wolf jetzt Strobl mit den sieben Geislein spiegeln wird. Der habe die besseren Karten in Berlin, hieß es jetzt aus der Bundeshauptstadt. Das war allerdings schon so, als über den Spitzenkandidaten der CDU entschieden wurde! Es fällt halt schwer zuzugeben, dass die Basis einen Fehlgriff getan hat! Eine moderne, großstädtisch auf Zukunft angelegte Partei braucht eben auch kein Bodenpersonal vom Land! Und jetzt? Jetzt sind alle größeren Städte im Land weg!

Und die ehemals „roten“ Hochburgen wie Mannheim und Pforzheim sind auf Anhieb bei der AfD gelandet, die sich seither als Retter der Sozialschwachen und Entrechteten generierten! Erst war es bei der Ein-Thema-Partei Europa, dann die Flüchtlinge im Plural, einen Moment lang galten sie „islamophob“, schwupp kamen über Nacht die neuen Stichworte. Frau von Storch erzählt nichts mehr von Angela Merkels angeblichem Plan auszuwandern! Und morgen treibt man eben die nächste Sau durchs Dorf! Beliebigkeit ist angesagt! Und was juckt mich schon mein Geschwätz von gestern und vorgestern! Gut ist die gestiegene Wahlbeteiligung. Aber die ist kein Verdienst der AfD! Auch wenn das ihr Landesguru so darstellen möchte, obwohl aus diesem Topf alle ein Löffelchen probiert haben.

Was mich nervt, ist die Verdrehung und Verrohung der Sprache. Macht die Politik das nach, was Scientology in Gesellschaft und Wirtschaft vorexerziert hat? Man hat die Inhalte von Begriffen neu bewertet und sortiert! Wo ist die Ethik bloß geblieben? Mit Wahlergebnissen spielt man einfach! Und morgen ist man einfach nicht mehr Abgeordneter! Wolfgang Reuther und Hans-Peter Storz haben kein Mandat mehr; wie vor fünf Jahren Andreas Hofmann! Und in fünf Jahren wird es Wolfgang Gedeon sein! Ja, die Beliebigkeit erfasst die Mandatsträger. Und ein „lebenslang“ gibt es endgültig nicht mehr. Die Parteibasis hat ihr Henkersschwert verloren! Die Allmacht liegt in den Händen des Wählers. „Schwarz-Grün“ wollten die Parteifreunde von Günther Oettinger und Andreas Renner nicht. Jetzt zwingt der Wähler zu „Grün-Schwarz“! Hütet dann aber ein Wolf die schwarzen Schufe? Heute werden wir es wissen! Schon der einstige Brioni-Kanzler Gerhard Schröder wollte wenigstens noch die Koalitionsverhandlungen führen . . .

Von Hans Paul Lichtwald

- Redaktion

Autor:

Redaktion aus Singen

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