Fachstelle Sucht zieht Bilanz
Neue Herausforderungen und bewährte Projekte in der Präventionsarbeit
- Lars Kiefer, Leiter der Fachstelle Sucht, zieht Bilanz über das vergangene Jahr.
- Foto: Lisanne Mönch
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Singen. Die Herausforderungen in der Suchthilfe verändern sich – der Bedarf bleibt hoch. Die Fachstelle Sucht Singen hat nach eigener Aussage im vergangenen Jahr erneut mehr als 700 Menschen begleitet und sieht sich dabei längst nicht mehr nur mit klassischen Suchterkrankungen konfrontiert. Neben Alkohol, Cannabis oder Nikotin rücken zunehmend internetbezogene Störungen, problematischer Medienkonsum und digitale Verhaltenssucht in den Fokus.
„Sucht ist kein Randthema. Alkohol und andere Substanzen sind allgegenwärtig. Gleichzeitig erleben wir, wie digitale Medien und Online-Angebote immer stärker in problematische Nutzungsformen kippen können“, erklärt Leiter Lars Kiefer von der Fachstelle Sucht Singen in einer Pressemitteilung. 712 Menschen nahmen demnach 2025 Hilfe in Anspruch. Insgesamt führte die Beratungsstelle an den Standorten in Singen und Radolfzell mehr als 5.250 Gespräche. 71 Prozent aller Beratungen standen weiterhin im Zusammenhang mit Alkohol – damit bleibe Alkohol die mit Abstand häufigste Problematik in der Suchthilfe. Gleichzeitig weist die Fachstelle darauf hin, dass Nikotin weiterhin das gesundheitlich folgenreichste Suchtmittel in Deutschland ist.
Auch das Thema Rauchentwöhnung gewann im vergangenen Jahr nach Angaben der Fachstelle erneut an Bedeutung. Knapp 50 Menschen schafften es 2025 mit Unterstützung der Fachstelle dauerhaft mit dem Rauchen aufzuhören. „Viele Menschen wünschen sich konkrete Unterstützung, um aus alten Konsummustern auszusteigen. Gerade im Bereich Nikotin sehen wir, wie wichtig niedrigschwellige Angebote sind“, wird Kiefer zitiert.
Neue Suchtgefahren im Internet
Besonders deutlich zeigt der aktuelle Jahresbericht, wie sehr sich problematischer Medienkonsum verändert hat. Ging es früher vor allem um Gaming oder Social Media bei Jugendlichen, begegnen den Fachkräften heute zunehmend neue Formen digitaler Abhängigkeiten – vom exzessiven TikTok-Konsum über Daytrading und Online-Shopping bis hin zu problematischer Pornografienutzung.
Die Fachstelle beobachte dabei enge Zusammenhänge mit psychischen Belastungen wie Depressionen, sozialer Angst oder Einsamkeit, heißt es in der Pressemeldung. „Viele Menschen suchen in digitalen Angeboten kurzfristige Belohnung oder Ablenkung. Das eigentliche Bedürfnis nach Verbindung und Stabilität bleibt dabei oft unerfüllt“, beschreibt Kiefer.
Der Beratungsbedarf reiche inzwischen bis ins hohe Alter: Die älteste Person, die sich im vergangenen Jahr wegen problematischer Mediennutzung an die Fachstelle wandte, war 71 Jahre alt. Für die Fachstelle stehe fest: Suchthilfe funktioniert nicht anonym und nicht ausschließlich digital. „Menschen brauchen kein System, sondern ein Gegenüber, das zuhört, versteht und individuell begleitet. Genau darin liegt die Stärke regionaler Beratungsstellen“, so Kiefer.
Die Arbeit sei eng mit regionalen Netzwerken verbunden – mit Kliniken, Schulen, Jugendhilfe, Selbsthilfegruppen, Verwaltungen und medizinischen Einrichtungen. Besonders dankbar zeigt sich die Fachstelle für die Unterstützung des Landkreises Konstanz, der die Arbeit finanziell mitträgt. „Diese Finanzierung ist unerlässlich. Prävention und Beratung sparen langfristig enorme gesellschaftliche Kosten und stärken gleichzeitig Menschen und Familien direkt vor Ort“, so Kiefer.
"Dialog auf Augenhöhe"
Ein wichtiger Schwerpunkt bleibe die Präventionsarbeit mit Kindern, Jugendlichen und Multiplikatoren. Neben Workshops an Schulen, Gesundheitstagen in Unternehmen und Schulungen für Führungskräfte setze die Fachstelle verstärkt auf moderne und lebensnahe Ansätze.
Gemeinsam mit der Fahrschule Mack in Singen wurde das bundesweite Projekt „Sicher unterwegs“ weiterentwickelt. Dabei informieren speziell geschulte Jugendliche Gleichaltrige im Theorieunterricht über die Risiken von Alkohol, Cannabis und anderen Rauschmitteln im Straßenverkehr. Bereits 64 junge Menschen wurden über das sogenannte PEERS-Projekt erreicht.
„Jugendliche erreicht man nicht mit erhobenem Zeigefinger. Entscheidend ist der Dialog auf Augenhöhe“, erklärt Kiefer.
Auch das Präventionsnetzwerk b.free, das in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feierte, bleibt ein wichtiger Baustein der regionalen Gesundheitsförderung.
Besonders am Herzen liege der Fachstelle weiterhin das Projekt AUFWIND, das in diesem Jahr bereits sein 25-jähriges Jubiläum feiern konnte. Das Angebot richtet sich an Kinder und Jugendliche zwischen sieben und 17 Jahren, die mit suchtkranken Elternteilen aufwachsen oder aufgewachsen sind. 35 Kinder und Jugendliche fanden dort laut Fachstelle im vergangenen Jahr Unterstützung. In Gruppenangeboten sollen sie Stabilität, Austausch und Entlastung in oft schwierigen psychischen Belastungssituationen erleben. „Kinder aus suchtbelasteten Familien tragen oft Verantwortung, die sie eigentlich nicht tragen dürften. Frühzeitige Unterstützung kann verhindern, dass sich Belastungen über Generationen fortsetzen“, sagt Kiefer.
Erstmals beteiligte sich die Fachstelle 2025 außerdem an der Aktion „Dry July“. Ähnlich wie beim bekannten „Dry January“ wurden Menschen eingeladen, einen Monat bewusst auf Alkohol zu verzichten. Mit kreativen Veranstaltungen, Online-Formaten, Lesungen und Mitmachaktionen wollte die Fachstelle dazu anregen, den eigenen Konsum kritisch zu hinterfragen.
Die Resonanz sei überraschend groß gewesen. Auch in diesem Jahr soll das Format in neuer Form fortgeführt werden.
Für die Mitarbeitenden der Fachstelle stehe fest: Prävention müsse dauerhaft gestärkt werden. Denn Konsumformen verändern sich ständig – ebenso wie die Risiken. „Prävention vererbt sich nicht“, sagt Kiefer. „Wir müssen immer wieder neu erklären, begleiten und im Gespräch bleiben.“
Quelle: Fachstelle Sucht
Autor:Presseinfo aus Singen |