Austausch bei Pro Familia Singen
Sorgen wegen chirugischer Schwangerschaftsabbrüche, Sexualaufklärung und Kitas

Ein Perspektivwechsel initiert vom Paritätischen Wohlfahrtsverband: Die Politiker Saskia Frank und Marcus Röwer bei der Beratungsstelle der Pro familia in Singen. Von links: Regionalleiterin des Verbands Karin Seng, Sozialpädagogin Nadine Schäfer, Landtagsabgeordnete Saskia Frank, Singens Bürgermeister Marcus Röwer und Verwaltungsmitarbeiterin Regina Schumacher. | Foto: Sebastian Ridder
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  • Ein Perspektivwechsel initiert vom Paritätischen Wohlfahrtsverband: Die Politiker Saskia Frank und Marcus Röwer bei der Beratungsstelle der Pro familia in Singen. Von links: Regionalleiterin des Verbands Karin Seng, Sozialpädagogin Nadine Schäfer, Landtagsabgeordnete Saskia Frank, Singens Bürgermeister Marcus Röwer und Verwaltungsmitarbeiterin Regina Schumacher.
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Singen. Zwei Themen stechen hervor: Es sind kaum chirugische Schwangerschaftsabbrüche im Landkreis Konstanz möglich und rechte Narrative und soziale Medien erschweren die Sexualaufklärung an Schulen. Das berichteten die Sozialpädagoginnen Nadine Schäfer und Julia Cerisuelo Iserte von der Sozialberatungsstelle pro familia in Singen am Dienstag, 8. Juli, im Rahmen der Aktion "Seitenwechsel" des Paritätischen Kreisverbands Konstanz. 

Die Versorgungslücke und das Problem dahinter

Singens Landtagsabgeordnete Saskia Frank und Singens neuer Bürgermeister Marcus Röwer waren überrascht von einigen Problemen, jedoch gibt es bei der Kitaversorgung auch schon Lösungsansätze. Chirugische Schwangerschaftsabbrüche sind aktuell in der Region nur in der Stadt Konstanz möglich, erklärt Julia Cerisuelo. Ein Problem für den Landkreis, denn die Frauenklinik dort behandelt ausschließlich Menschen aus Konstanz operativ. Cerisuelo vermutet Kapazitätsgründe hinter diesen Umstand. Ein Arzt in Engen hatte bis zuletzt den Eingriff auch angeboten, tut dies jedoch nicht mehr aufgrund von Konflikten in der OP-Belegung, so Cerisuelo. Die nächste Klinik, die den operativen Eingriff unter Vollnarkose noch vornimmt, ist in Tuttlingen.

Ein chirurgischer Eingriff ist in der Regel bis zur 14. Schwangerschaftswoche möglich und aufgrund der Vollnarkose mit einem größeren Aufwand verbunden. Die Alternative ist eine medikamentöse Abtreibung, die bis zur neunten Schwangerschaftswoche vorgenommen werden darf. Doch auch die Medikamente können Frauen durch Nebenwirkungen nach dem Eingriff kurzzeitig einschränken. Das Problem an der Versorgungslücke ist laut den Sozialpädagoginnen aber nicht die kürzere Zeit, in der ein Eingriff möglich ist. "Das Organisatorische ist eher entscheidend", sagt Julia Cerisuelo.

Saskia Frank will das Thema im Kreistag besprechen

Sie, Schneider und ihre Kollegen haben im letzten Jahr 260 Frauen zum Thema Schwangerschaftsabbruch in Singen beraten. Einen medizinisch besseren Eingriff oder eine klare Präferenz unter den Frauen gibt es nicht, sagt Cerisuelo. "Es ist eine individuelle Entscheidung." Laut ihr fühlen sich einige Frauen einfach mit dem operativen Eingriff wohler und andere eher mit dem Medikamentösen. Ein Problem ist eher, dass bei dem chirurgischen Eingriff, eine Abhol- und Betreuungsperson im Anschluss vorhanden sein muss. Ein Aufwand, der auf der Strecke bis nach Tuttlingen nicht einfach ist.

Laut Julia Cerisuelo ist die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, Petra Martin-Schweizer, bereits dabei, neue Ärzte und Kliniken für chirurgische Schwangerschaftsabbrüche zu suchen - jedoch bisher ohne Erfolg. "Daran hängen viele Gründe, die nicht ganz greifbar sind", sagt Cerisuelo. "Das Versorgungsproblem war mich gar nicht so bewusst", sagt die Landtagsabgeordnete und Kreisrätin Saskia Frank. Sie ist enttäuscht, dass die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen auf Bundesebene gescheitert sind und hat wenig Hoffnung, dass sich das unter der aktuellen Regierung ändert. Die Versorgungslücke möchte Frank aber demnächst im Kreistag auf die Tagesordnung bringen.

Eltern lassen Kinder nicht zu Sexualaufklärung

Ein anderes aktuelles Problem ist laut den Sozialpädagoginnen, dass Eltern ihre Kinder nicht an Aufklärungsprogrammen der Pro Familia teilnehmen lassen. Die Beratungsstelle wird von Schulen gebucht, um dort an einem Tag über unter anderem Geschlechter, Sex, Schwangerschaft oder Verhütung, je nach Programm, aufzuklären. "Wir werden im Moment mehr angefragt", sagt Julia Cerisuelo. Laut ihr und den Schulen liegt das an der politischen Entwicklung. Liberale Ideologien sorgen derzeit für eine große Verunsicherung bei Kindern, als auch bei Eltern, so Cerisuelo. Sie vermutet, dass rechtspolitische Akteure mit der Streuung von Narrativen gegen die Aufklärung dafür verantwortlich sind.

Das macht sich bemerkbar, in dem häufiger Kinder krankgemeldet werden oder einfach nicht zur Schule kommen, wenn die Pro Familia für Aufklärungsprogramme kommt, so die Pädagoginnen. Laut Cerisuelo kommt es sogar zu Konflikten zwischen Eltern und den Schulen: "In der Regel ist es eine Sorge. Manche sprechen es an, andere reagieren mit Abwesenheit ihrer Kinder."

Betreuung: "Es ist kein Sprint. Es ist ein Marathon"

Ein Dauerbrenner, der zur Verunsicherung beiträgt, ist hingegen die fehlende Kinderbetreuung in Singen. Das macht sich zum einen so bemerkbar, dass Männer häufiger nicht die Elternzeit in Anspruch nehmen, weil Familien mit durchschnittlichen Einkommen nicht mit 60 Prozent des Gehaltes auskommen. "Gerade die ungerechte Care-Arbeit ist problematisch", sagt Saskia Frank. 

Die Stadt Singen bezuschusst die Versorgung der Betreuungsangebote bereits mit 16 Millionen Euro jährlich, sagt Marcus Röwer, "Es ist kein Sprint. Es ist ein Marathon." Neben den Einrichtungen fehlen aber vor allem auch Fachkräfte. Wie Röwer erklärt, habe er in Volkertshausen deswegen mit den Unternehmen Zweijahresausbildungen zu Betreuern eingeführt, die Fachkräfte entlasten sollen. Ein Problem sei laut Marcus Röwer aber auch, dass der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz von Bundesebene kommt, die Kommunen bei der Finanzierung aber allein gelassen werden: "Das Prinzip der Bezahlung muss anders umgesetzt werden." Laut Frank gehöre aber auch zu dem Problem, dass einige Kommunen nicht frühzeitig auf das Problem aufmerksam gemacht haben.

Ein Perspektivwechsel initiert vom Paritätischen Wohlfahrtsverband: Die Politiker Saskia Frank und Marcus Röwer bei der Beratungsstelle der Pro familia in Singen. Von links: Regionalleiterin des Verbands Karin Seng, Sozialpädagogin Nadine Schäfer, Landtagsabgeordnete Saskia Frank, Singens Bürgermeister Marcus Röwer und Verwaltungsmitarbeiterin Regina Schumacher. | Foto: Sebastian Ridder
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Autor:

Sebastian Ridder aus Konstanz

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